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Einhundertneunzig
Kilometer auf Grenzsteinsuche entlang der sächsisch-preußischen Grenze von
1815 in der Oberlausitz
Von Hans-Joachim Gawor
26.11.2011 |
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Die sächsisch-preußische Grenze, die nach dem
Wiener Friedensvertrag von 1815 die Oberlausitz schmerzlich teilte,
verläuft in nord-westlicher Richtung quer durch die Oberlausitz von der
Ortschaft Wilka an der Wittig (Witka/Polen) bis nach Kroppen an der
Pulsnitz.
Die Länge der
sächsisch-preußischen Grenze beträgt in der Oberlausitz ca. 189 Kilometer.
In der Hauptkonvention zum Wiener Friedensvertrag wird der genaue
Grenzverlauf detailliert beschrieben. Die Grenze verläuft entlang der alten
Kreisgrenzen und der Flurgrenzen von Gemeinden, Herrschaften, Kloster- und
Kirchen-Besitzungen sowie Bauern- und Rittergütern. Sie teilte historische
gewachsene Landeszusammenhänge, wirtschaftliche Strukturen, Wälder, Flüsse
und Teiche sowie elf Kirchspiele und sieben Grundherrschaften.
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Bild 1: Die Teilung der Oberlausitz im Jahre 18151
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.Noch heute bildet die alte
Trennlinie die Kirchengrenze zwischen den katholischen Bistümern
Dresden-Meißen und Görlitz als auch die Kirchengrenze zwischen der
Evangelischen-lutherischen Landeskirche Sachsen und der der Evangelischen
Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz.Erstmalig wurden im
Jahre 1818 Grenzzeichen entlang der neuen Trennlinie aufgestellt. Aus
Kostengründen sind keine Grenzsteine, sondern weithin sichtbare Holzsäulen
zur Grenzmarkierung genutzt worden. An den festgelegten Grenzpunkten
standen sich je zwei Holzpfähle mit den Hoheitszeichen Sachsens und Preußens
gegenüber. Innerhalb von drei Monaten waren die Grenzsäulen gesetzt.2
In den Protokollen der gemischten Grenz-kommissionen von 1818, denen neben
den Commissarien beider Staaten vornehmlich die Ortsrichter,
Schöffen und Revierjäger der betroffenen Territorien angehörten,
wird der genaue Grenzverlauf und die Aufstellpunkte der Grenzpfähle
beschrieben.3 Ab 1828 werden die Holzpfähle durch Grenzzeichen
aus Stein (Pilare) ersetzt. Die preußischen Entwürfe dienten dabei als
Vorlage.4 Der Abstand der Grenzzeichen zueinander ist nicht
einheitlich, sondern sehr unterschiedlich, und richtete sich nach den
örtlichen Gegebenheiten wie Gräben, Flüsse und Fahrwege. Die kürzeste
Entfernung zwischen zwei Grenzsteinpunkten beträgt ca. 200 Meter (zwischen
GS 115 und GS 116) und die größte Entfernung ca. 4350 Meter (zwischen GS 99
und GS 100). Die aufgestellten Grenzsteine zur Kennzeichnung des
Grenzverlaufes haben verschiedene Formen und Größen.
Von GS 1 bis GS 81 markieren je zwei
Granitquader die Grenzlinie. Ein Grenzstein steht auf sächsischem Gebiet und
der andere auf preußischem Gebiet. Dazwischen verläuft die Grenzlinie.
Beide Grenzzeichen tragen die gleichen Nummern. Zeitweilig waren in diesem
Bereich die sächsischen Grenzsteine mit grün-weißen und die preußischen
Grenzsteine mit schwarz-weißen Bordüren gestrichen.
Vom Grenzpunkt 82 bis zum Grenzpunkt 148 steht –
bis auf zehn Ausnahmen – jeweils nur ein Grenzstein direkt auf der
Grenzlinie. Die Form entspricht einem Pyramidenstumpf. Auf der einen Seite
der Grenzzeichen steht KS (für Königreich Sachsen) und
auf der anderen Seite KP (Königreich Preußen) und
jeweils darunter die Grenzsteinnummer. Die eine Hälfte des Grenzzeichens
war ehemals mit gezackten grün-weißen Bordüren und die andere Hälfte
mit gezackten schwarz-weißen Bordüren gestrichen. Bei zehn
Grenzsteinpunkten im Bereich von GS 82 bis GS 148 gibt es Abweichungen von
der ursprünglichen Festlegung. An unübersichtlichen Punkten, wie z.B. am
Raudener Teich, an der Kleinen Spree (bei Hermsdorf), am ehemaligen
Holschaer Graben (heute Kaolingrube Caminau) und am Ruhländer Schwarzwasser
wurden jeweils zwei Grenzsteine aufgestellt.
Beide Grenzsteinformen
ragen etwa 90 cm aus dem Erdreich und haben einen gewaltigen,
unbearbeiteten Fuß, der bis ca. 70 cm im Erdreich steht.
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Bild 2: GS-Form von Nr. 1 bis Nr. 81 Bild 3: GS
Form von Nr. 82 bis Nr. 148
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Der letzte Grenzstein in der Oberlausitz, die
Nummer 149, ist ein schlanker Sandsteinquader von 150 cm Höhe. Westlich
der Oberlausitz, von der Pulsnitz bis zur Elbe ändert sich erneut die
Grenzsteinform. Neben den schlanken Sandsteinquadern (Bild 4) gibt es in
diesem Bereich auch Pilare mit prismatischer Form. (Bild 5)

Bild 4: GS-Form ab Nr. 149 Bild 5: GS-Form
zwischen GS 154 bis GS 212
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Zwischen den einzelnen Grenzsteinpunkten wurden
zur Markierung des gesamten Grenzverlaufes so genannte Läufersteine
aufgestellt. Die ersten drei Läufersteine entlang des Grenzverlaufes habe
wir bei Hagenwerder, etwa 800 Meter hinter dem GS-Paar 10 in Richtung
GS-Paar 11 gefunden. Die nächsten beiden Läufersteine gibt es erst wieder,
beim GS-Paar 15. Vom Läuferstein 10-1 bis kurz vor das Grenzsteinpaar 62
(bei Gebelzig) haben die Läufersteine die Abmessungen 20 x 20 Zentimeter.
Bis auf wenige Ausnahmen liegen die Toleranzen bei einem Zentimeter. Auf
dem Kopf tragen sie jeweils ein gleichmäßiges Kreuz, dessen Ausführung
unterschiedlich ist. In manchen Abschnitten sind die Kreuze mit schön
geschweiften Enden (Schwalbenschwanz) versehen, in anderen Abschnitten sind
sie ganz einfach. Die Läufersteine ragen in diesem Bereich in der Mehrzahl
bis zu 30 cm aus dem Erdreich und sind deshalb gut zu finden. Ab
Grenzsteinpaar 62 bis zum Grenzstein 152 sind die Läufersteine bedeutend
größer. Sie haben die Abmessungen von 25 x 25 Zentimeter und die Toleranzen
betragen bis zu zwei Zentimeter. Es fällt auf, dass die Seitenflächen dieser
Läufersteine sehr glatt bearbeitet sind, besser als bei den Läufersteinen
bis zum Grenzsteinpaar 62. Auf dem Kopf haben sie ebenfalls ein Kreuz, aber
die Größe und die geschweiften Enden sind nicht so ausgeprägt.

Bild 6:
Läufersteinform ab GS 62 bis GS 152 Bild
7: Läufersteinform ab GS 152
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Bei mehreren Abschnitten z.B. von GS 102 bis GS
103 und von GS 105 bis GS 106 kann man an den Läufersteinen noch
nachträglich aufgemalte Ziffern erkennen. Sie dienten bei den bis 1932
regelmäßig durchgeführten Grenzzeichenkontrollen zur genauen Bestimmung der
Läufersteine. Ab dem GS-Paar 152 nehmen die Läufersteine wieder eine andere
Form an. Die Abmessungen betragen zwar ebenfalls 25 x 25 Zentimeter, jedoch
sind die beiden Kopfkanten quer zum Grenzverlauf abgerundet. Die beiden
Seiten parallel zum Grenzverlauf sind mit eingemeißelten
fortlaufenden Läufersteinnummern versehen. Nach jedem Pilar beginnt die
Zählweise der Läufersteine wieder mit eins. Dadurch kann man in diesem
Bereich die heute fehlenden Läufersteine leicht feststellen. Auf dem Kopf
der Läufersteine ist ebenfalls ein gleichmäßiges Kreuz vorhanden und
zusätzlich der Grenzverlauf (gerader Verlauf oder Knickpunkt), dargestellt.
Das Steinmaterial ist nicht so hart, als das von GS 1 bis GS 152.
Nach umfangreichen Recherchen im
Staatsfilialarchiv Bautzen begann ich ab Januar 2008 mit der
Grenzsteinsuche. Ich wollte aber nicht nur die großen Pilare finden, sondern
stellte mir das Ziel, den gesamten, wahren Grenzverlauf mit den dazwischen
befindlichen Läufersteinen und weiteren Grenzzeichen zu suchen. Kurze Zeit
später schloss sich Peter Seltenheim aus Wartha diesem Vorhaben an. Ab
Sommer 2009 gehört auch der Königswarthaer Werner Rentsch zu unserem Team.
Dennoch ging ich viele Abschnitte allein und übernahm die gesamte
Vorbereitung, Auswertung sowie die Verbindung zu zahlreichen Heimatforschern
in der Oberlausitz. Im April 2011 hatten wir es dann geschafft. Allein den
genauen 189 Kilometer langen Grenzverlauf in der Oberlausitz zu finden, ist
eine anspruchsvolle Aufgabe, die mit einem hohen logistischen Aufwand und
sehr viel Zeit verbunden ist. Manche Abschnitte mussten bis zu fünf Mal
abgegangen werden, um den wahren Grenzverlauf zu finden. Über Stock und
Stein, über Wiesen und Felder, durch Wälder, Flüsse und Gräben, durch
Feuchtgebiete, Teiche und Sümpfe, durch Gestrüpp, Schilf, Binsen,
Brennnesseln, hohen Farn und wilden Brombeerranken, durch Tagebaue und
Truppenübungsplätze, durch Dörfer und Städte, über den steilen Basaltkegel
des Spitzberges bei Deutsch-Paulsdorf und unzählige Hindernisse und
Erschwernisse waren wir unterwegs. Im Ergebnis der mehr als dreijährigen
Suche wurden in der Oberlausitz (von GS 1 bis GS 149) neben den noch
vorhandenen 203 Pilaren bisher noch 995 Läufersteine, 320 lokale Grenzsteine
oder Flursteine unterschiedlicher Form und Größe, achtundzwanzig Marksteine
und sechs Forstgrenzsteine gefunden, fotografiert und in Karten
dokumentiert. Die genannten Grenzzeichen stehen ausschließlich auf der
alten Grenzlinie. Die erstellte Dokumentation dazu habe ich im Herbst
2011dem Sächsischen Landesamt für Denkmalpflege übergeben.
Im Herbst 2010 gelang es uns auf der Grundlage
umfangreicher Recherchen in alten Dokumenten die jahrzehntelang
verschollenen Pilare Nr. 92 (sächsische Grenzstein am Raudener Teich) und
Nr. 142 (preußischer Grenzstein am Ruhlander Schwarzwasser, bei Sella) zu
lokalisieren und erfolgreich auszugraben. Zur gleichen Zeit stand uns an der
Pulsnitz das Glück zur Seite. Das gewaltige Septemberhochwasser des Flusses
hatte den umgekippten preußischen Grenzstein Nr. 148 nach Jahrzehnten wieder
etwas frei gespült.
Mit Unterstützung von Heimatfreunden aus den
brandenburgischen Gemeinden Grünewald und Sella wurde der ehemals preußische
Grenzstein 142 im Mai 2011 am alten Arm des Ruhlander Schwarzwassers wieder
aufgestellt.

Bild 8:
Freigelegter GS 142P im Okt. 2010 Bild 9: Aufgestellter GS 142P im Mai
2011 |
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Zwischen den Grenzsteinen 98 und 111 sowie 118
und 121 fehlen an mehreren Pilaren die Buchstaben KS und KP, die Ziffern
sind aber gut zu lesen. Einige Grenzsteinsucher glauben, dass dies nach 1945
erfolgte. Der langjährige Bürgermeister von Königswartha, Herr Gerhard Benad
(1948 bis 1990) konnte mir jedoch nichts über einen Aktionismus nach 1945
berichten. Im Frühjahr 2010 hatte ich Einblick in Archivunterlagen der
Gemeinde Königswartha, die sich mit der Betreuung und der Pflege der
Grenzzeichen in Königswartha und den späteren Ortsteilen Neudorf, Johnsdorf,
Caminau und Commerau beschäftigten. Demzufolge wurde von 1895 bis 1932 von
der Königlichen Amtshauptmannschaft Bautzen jährlich eine Begehung der
sächsisch-preußischen Landesgrenze angewiesen. Es sind dazu detaillierte
Vorschriften für die Gemeindevorsteher, Gutsvorsteher und Revierforstbeamten
erlassen worden. Über die Durchführung der Begehung der Landesgrenze musste
umgehend die Amtshauptmannschaft informiert werden.
Für die Durchführung
der Grenzbegehung im Jahre 1926 wird in den „Vorschriften für die
Landesgrenzbegehung, welche von den Ortsbehörden zu beachten sind“ erstmalig
folgendes unter Punkt 6. angewiesen:
Besonderes Augenmerk ist
darauf zu richten ob sich auf den Grenzzeichen von früher noch monarchische
Bezeichnungen oder Abzeichen das (Wort „Königreich“ oder Abkürzungen
desselben; die Krone) vorfinden. Es ist darüber genau Bericht zu erstatten,
damit deren Beseitigung oder Unkenntlichmachung veranlasst werden kann.5
Das Auffinden der Vorschrift von 1926 zur
Entfernung der monarchischen Zeichen scheint der Wahrheit näher zu kommen.
Im Jahre 1926 fand in Deutschland ein Volksentscheid zur Enteignung der
Fürsten statt, der negativ ausging. Im gleichen Jahr schlossen einzelne
deutsche Länder Verträge mit den Fürsten für deren Entschädigung ab.
Vermutlich wurden danach die monarchischen Zeichen entfernt.
Ein Schreiben der Amtshauptmannschaft Bautzen an
den Bürgermeister von Caminau vom 28. August 19266 bestärkt meine
Vermutung. Dort heißt es:
Es ist hier folgende
Beschwerde eingelaufen: „Hinter dem Dorfe Wartha Kreis Hoyerswerda geht die
Grenze des Freistaates Sachsen über die Kreisstrasse. Bei einem Neuanstrich
des dort stehenden Grenzsteins ist die Bezeichnung „Königreich Sachsen“, die
noch auf dem Grenzstein steht, neu angestrichen worden, “ Wer hat den
Anstrich bewirkt? Es ist dafür Sorge zu tragen, dass das Wort „Königreich“
sofort beseitigt bezw. Wenn es in den Grenzstein eingemeißelt ist, so
überstrichen wird, daß es nicht mehr sichtbar ist. Über den Erfolg wolle
baldigst Bericht hierher erstattet werden.
Die Amtshauptmannschaft
Dr.
Jungmann
Die Suche nach den
Grenzzeichen im Witka-Stausee
Vier Tage vor dem Dammbruch des Witka-Stausees
in Polen war ich mit Werner Rentsch am dortigen Stausee auf Grenzsteinsuche.
Bei starkem Regen gingen wir von Radomierzyce (Radmeritz) bis zum Bahnhof
Zawidow (Seidenberg) am Stausee entlang. Dabei besichtigten wir auch die
Staumauer und die Wehranlage des gut gefüllten Stausees und stellten fest,
dass die Grenzzeichen mit den Nummern eins, zwei und drei darin für immer
versunken sind. Zusammen mit Peter Seltenheim war ich wenige Tage nach dem
Staudammbruch wieder vor Ort. Was wir zu sehen bekamen, übertraf alle
Befürchtungen. Der Staudamm war zu beiden Seiten der Wehranlagen von der
Flut weggespült worden. Vom Stausee war nichts mehr zu sehen. Das Flüsschen
Witka verlief wieder in seinem ursprünglichen Flussbett, welches die alte
Trennlinie von 1815 war. Alte Straßen und Brücken, Fundamente und
Kellergewölbe von früheren Häusern und auch Baumstümpfe, die fünfzig Jahre
im Stausee versunken waren, waren wieder aufgetaucht. Eine sehr tiefe
Schlammschicht zu beiden Seiten der Witka erschwerte ein direktes
Herankommen an den Fluss. Für uns Hobby-Grenzsteinsucher offenbarte der leer
gelaufene Stausee dennoch eine große Überraschung. Anhand alten
Kartenmaterials sowie des Protokolls der Grenzkommission von 1818 konnten
wir zunächst den Bereich der Grenzsteinpaare 2 und 3 der
sächsisch-preußischen Grenze lokalisieren.

Bild 10 und 11: Sächsischer Grenzstein Nr.2 und sächsischer Grenzstein Nr.3
am 20.08.2010
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Schließlich gelang es auf komplizierten Wegen,
beide Grenzsteinpaare wieder zu finden. Grenzsteinpaar 3 fanden wir an der
früheren Brücke über die Witka, zwischen den ehemaligen sächsischen und
preußischen Teilen von Nieda. Während sich der sächsische Grenzstein noch
aufrecht an seinem ursprünglichen Standort befand, lag der mehr als 600 kg
schwere preußische Grenzstein nahezu 200 Meter flussabwärts. Die gewaltige
Flut hatte ihn mitgerissen. Das Grenzsteinpaar 2 fanden wir an der
Witka-Brücke, direkt an der alten Fahrstrasse vom ehemals preußischen Wilka
zum sächsischen Wanscha (heute Spytkow).
Danach ging es weiter zu dem Bereich, in dem wir
das Grenzsteinpaar 1 suchen wollten. In der Nähe des Bahnhofs Zawidow
(ehemals Seidenberg) befand sich ab 1815 das Dreiländereck. Dort, wo die
Grenzen von Böhmen (damals Kaiserreich Österreich), Königreich Preußen und
Königreich Sachsen zusammentrafen, wurden die Grenzzeichen mit der Nummer 1
aufgestellt und bildeten den Anfang der sächsisch-preußischen Grenze. Die
Suche nach der Nummer 1 blieb jedoch im Jahre 2010 erfolglos.
Im Februar 2011 waren insgesamt sieben
Heimatforscher aus Görlitz, Reichenbach, Königswartha und Hoyerswerda
zweimal im Witka-Stausee (Polen), um das historische Grenzsteinpaar 1 der
sächsisch-preußischen Grenze von 1815 zu suchen. Unterstützung gab es von
Geologen, Messtechniker und Vermesser der GMB GmbH aus Schwarze Pumpe, die
ansonsten Ingenieur- und Dienstleistungen für Bergbau und Umwelt
durchführen. Die Zustimmung zur Suchaktion mittels Georadargerät und
weiterer Suchtechnik hatte der Bürgermeister von Zawidow (Seidenberg)
erteilt. Während der Reichenbacher Manfred Steinmann die Verbindung mit der
polnischen Seite herstellte, gelang es dem Autor des Beitrages die Suchfirma
für einen kostenfreien Einsatz zu gewinnen. Das erfahrene Team von der GMB
GmbH half bereits vor zwei Jahren die verschollene historische „Russensäule“
in Auritz bei Bautzen zu orten.
Die vorgefundenen Bedingungen waren am 10.
Februar 2011 extrem. Die Niederschläge der Wintermonate hatten den bereits
zuvor stark aufgeweichten Boden weiter zugesetzt. Bis zu einer Tiefe von
zwei Metern reichte die aufgeweichte Schlamm- und Schwemmsandschicht.
Darüber hinaus hatte sich hier der Flusslauf in den zurückliegenden
Jahrzehnten ständig verändert und mit Ablagerungen gefüllt. Schließlich wies
das Messtischblatt 74, Sektion Trattlau - Seidenberg von 19307
eine Messungenauigkeit von mehr als sechs Metern gegenüber den heutigen
Navigationsverfahren auf. Den Spezialisten der GMB GmbH gelang es trotzdem
den ehemaligen Flusslauf, an dessen beiden Ufern im Jahre 1818 die hölzernen
Grenzzeichen aufgestellt wurden, zu bestimmen. Eine weitere Ortung war an
diesem Tage nicht möglich, da ab Mittag die Sonne den Suchbereich auftaute
und eine tragfähige Schicht nicht mehr bestand. Am 24. Februar 2011
erfolgte der zweite Versuch. Nachtfröste bis zu -15° Celsius hatten eine
tragfähige Schicht für die Suche mit dem Georadargerätes geschaffen.

Bild 12: Witka-Staudamm am 11.08.2010 Bild 13: Suche mit dem
Georadargerät
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Ein 2500 m² großes Terrain in dessen Mitte die
Koordinaten des Suchobjektes lagen, wurde sorgsam abgesucht. Jede Anzeige
der Auswertelektronik ist sofort manuell überprüft worden. Schließlich
wurden wir am ehemaligen alten Flussverlauf fündig. Etwa zehn Meter östlich
der Zentrums-Koordinaten stießen wir in 0,25 Meter und 1,0 Meter Tiefe auf
Steine. Die
anschließende Teil-Freilegung war kompliziert.
Nach dem Durchdringen einer zehn Zentimeter starken gefrorenen Schicht
folgte weicher Schlamm. Sofort lief Wasser des alten Flussbettes in die
Grube. Mit Eimern gelang es das Wasser teilweise herauszuschöpfen, um Fotos
zu machen und das Grenzzeichen zu vermessen.
Am 18. Juni 2011 waren die drei Königswarthaer
Grenzsteinsucher und der Reichbacher Heimatforscher und Grenzsteinsucher
Manfred Steinmann erneut im Witka-Stausee. Ziel war es, den georteten
Grenzstein auszugraben. Die vorgefundene Situation am Stausee war eine ganz
andere als im Februar. Ab Etwa zweihundert Meter vor der Fundstelle führte
der Fluss kein Wasser mehr. An der Fundstelle war die vorhandene
Schlammschicht an der Oberfläche abgetrocknet, mit bis zu dreißig Zentimeter
tiefen Rissen versehen und
tragfähig.
Etwa 250 Meter südlich des alten Flussarmes
hatte sich die Wittig ein neues Flussbett geschaffen, durch das nun die
Wassermassen mit einer kräftigen Strömung flossen. Der größte Teil des
Bodens war mit dichten, bis zu einen Meter hohen Gräsern und Pflanzen
bewachsen. Mit Schaufel, Spaten und einem Jauchenschöpfer wurde der
Grenzstein manuell freigelegt. Nach etwa 20 Zentimeter begann eine zähe
Schlammschicht die mit feinen Sedimenten durchsetzt war. Bei einer Tiefe von
etwa 50 Zentimeter lief, aus Richtung Osten kommend, Wasser in die Grube. In
einer Schlacht mit dem Schlamm gelang es uns nahezu zwei Kubikmeter davon
herauszubefördern. Immer wieder brach an den Rändern Schlamm ab und die
Grube wurde zunehmend größer. In einer Tiefe von einem Meter begann der
unbehauene Sockel des Grenzsteines. Der Grenzstein mit den genauen
Abmessungen 34 cm x 40 cm (!) lag schräg nach Norden geneigt, also vom
ehemaligen Flussufer weg. Der Kopf des Steines war abgebrochen. Das Material
des Grenzsteines ist Sandstein und Spuren einer maschinellen Bearbeitung
sind erkennbar. Es kann davon ausgegangen werden, dass der Kopf manuell
abgeschlagen worden ist. Um den Sockel herum bargen wir in etwa einem Meter
Tiefe noch drei kleinere Bruchstücke des Grenzsteines. Eine Ziffer war an
dem Fragment jedoch nicht eingemeißelt. Mit Schlüpfen und Seilen gelang es
uns den Grenzstein vom festsaugenden Schlamm freizubekommen und gerade
aufzurichten.
Das abgeschlagene Kopfstück konnte bisher nicht
gefunden werden. Warum hier nicht Granitgrenzzeichen mit der Nummer 1
gefunden wurden ist gegenwärtig nicht eindeutig zu belegen.
Bei dem Grenzstein könnte es sich um den
Hauptstein 1140 der ehemals schlesisch-böhmischen Grenze handeln. In dem
Staatsvertrag von 18698 zwischen dem Kaiserreich Österreich und
dem Königreich Preußen ist damals das Setzen neuer Grenzzeichen mit
entsprechender Nummerierung entlang der schlesisch-böhmischen Grenze
vereinbart worden. In Session XII des Staatsvertrages wird ausgeführt, dass
bei dem Ort Wiese (heute Ves; Böhmen), „dort wo die Grenzen von Österreich,
Preußen und Sachsen zusammenstoßen“9 der Hauptstein 1140 gesetzt
wird. Leider konnte ich in dem Staatsvertrag keine Hinweise über die Maße
dieser Grenzzeichen finden.
Es sind also weitere Aktivitäten erforderlich,
um eine zweifelsfreie Bestimmung des Grenzzeichens durchzuführen. Somit
behält der Witka-Staussee vorerst die Geheimnisse für sich.

Bild 14:
Aufrichten des Grenzzeichens Bild 15: Freigelegtes
Grenzzeichen
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Quellenverzeichnis
1 Karten der Lausitz um 1820 von E. Hartstock im Buch Oberlausitzer
Heide- und Teichlandschaft, Seite 71, mit nachträglichen Eintragungen der
Grenzlinie, Grenzorte und Grenzpunkte durch
H.-J. Gawor
2
Diplomarbeit von Frank Reichelt von 1999 „Zur Feststellung…“, Seite 88
3 StFilABZ,
Oberamtsregierung 3262, Protokoll der Grenzkommissionen
4 StFilABZ,
Oberamtsregierung 3264, Seite 6 und 7
5
Archivunterlagen der Gemeinde Königswartha
6
Archivunterlagen der Gemeinde Königswartha
7 Deutsche
Fotothek, Kartenforum, Topographische Karten Sachsen 1:25000 von 1872 bis
1942, Blatt 74 von 1906
8
Familienchronik Jursitzky, Staatsvertrag von 1869, Quelle Prager Zeitung vom
17. Juni 1869
9
Familienchronik Jursitzky, Staatsvertrag von 1869, Sektion XII
Foto 2 bis13 und 15 von Hans-Joachim Gawor;
Foto14 von Manfred Steinmann
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